Seit dem 5. September 2026 ist die Ausstellung „Alles im Angebot. Eine Wanderausstellung über Desinformation, digitale Gewalt und unseren Alltag im Netz“, die von den gemeinnützigen Organisationen HateAid und neuland & gestalten initiiert wurde, im Dithmarscher Landesmuseum in Meldorf zu Gast. Bis zum 31. Januar 2027 begleitet das museumseigene Programm „Zwischen Feed und Forum“ die Ausstellung mit Vorträgen, Lesungen, Tischgesprächen und einer Medienwerkstatt für Jugendliche – gefördert von der ZEIT-Stiftung Bucerius.
Das Internet ist der größte virtuelle Supermarkt der Welt: Er hat fast alles im Angebot, doch nichts ist umsonst. Hinter jedem Angebot stehen Interessen – wirtschaftliche, politische, gesellschaftliche. Mit dieser Supermarkt-Analogie und einer Katze als Begleitfigur nähert sich die Ausstellung Fragen, die eng mit dem eigenen digitalen Alltag verknüpft und deshalb oft unbequem sind: Wie entsteht digitale Gewalt im Netz? Warum wirkt manches im Netz größer und wahrer, als es eigentlich ist? Wer profitiert, und auf wessen Kosten? An interaktiven Stationen zu Algorithmen, Deepfakes, Silencing und der eigenen Rolle im Netz können Besucher:innen aller Generationen ihr Nutzungsverhalten reflektieren – auf Augenhöhe und ohne erhobenen Zeigefinger.
Dass die Ausstellung nun in Meldorf Station macht, ist kein Zufall: HateAid und neuland & gestalten bringen „Alles im Angebot“ bewusst auch abseits der großen Metropolene an Orte wie Museen, Bibliotheken oder Ämter. „Wir haben uns bewusst entschieden, die Ausstellung auch in ländlichere Regionen oder Klein- und Mittelstädte zu bringen. Die Themen der Ausstellung betreffen uns alle – unabhängig von der Lage oder der Größe unseres Wohnortes. Häufig reisen Ausstellungen oder Projekte aber vorwiegend in die großen Metropolen. Diesem Phänomen möchten wir entgegentreten“, sagen Anna-Lena von Hodenberg (HateAid) und Silke Zimmermann (neuland & gestalten).
Warum sich das Thema digitale Gewalt gerade für eine Ausstellung eignet, erklärt Anna-Lena von Hodenberg: „Das Internet nutzen wir alle täglich ganz selbstverständlich – doch selten fragen wir uns, was dahintersteckt. Warum sehen wir bestimmte Inhalte, wie funktionieren Algorithmen und warum verbreiten sich Hass und Desinformation so schnell? Die Ausstellung eröffnet einen Raum, diese komplexen Themen leicht zugänglich zu erkunden, ohne ihre Tiefe zu verlieren.“

Die markante Bildsprache aus Supermarktregalen und Katzenfigur, so Silke Zimmermann, sei dabei kein Selbstzweck: „Die starke Supermarkt-Ästhetik ist zunächst ein Hingucker, erzählt aber gleichzeitig auch über vertraute Räume, scheinbare Angebote und Überfluss. Die Katze wiederum soll als Ikone des Internets und humorvoller Einschub emotionale Anspannungen abbauen, ohne die Ernsthaftigkeit des Themas zu konterkarieren.“
Begleitprogramm „Zwischen Feed und Forum“
In Meldorf wird die Ausstellung nun konsequent weitergedacht und in der eigenen Museumspraxis verankert: „Als Museum sind wir ein Ort, an dem sich Menschen mit Fragen auseinandersetzen können, denen sie im Alltag oft ausweichen.“, sagt Nina Lucia Groß, leitende Kuratorin am Dithmarscher Landesmuseum. „Die Ausstellung passt deshalb gut zu unserem Selbstverständnis: Wir wollen nicht nur zeigen, was war, sondern auch verhandelbar machen, was gerade mit uns geschieht. Mit unserem Begleitprogramm öffnen wir dafür auch unsere eigene Sammlung – und laden die Region ein, digitale Öffentlichkeit nicht nur zu konsumieren, sondern gemeinsam mit uns zu befragen.“
Das Dithmarscher Landesmuseum nutzt die Ausstellung als Ausgangspunkt für ein eigenständiges Format: „Zwischen Feed und Forum“, ein intergenerationelles Programm aus Vorträgen, Lesungen, Tischgesprächen und Workshops. Kern der Veranstaltungsreihe ist der Museumsmittwoch: Lesungen und Vorträge mit externen Expert:innen laden mittwochs zum Mitdenken ein – mit der Autorin Veronika Kracher (21. Oktober, zu digitaler Misogynie), der Kulturwissenschaftlerin Annekathrin Kohout (28. Oktober, zur Geschichte des Einhorns als Netzikone), der Publizistin Katharina Nocun (25. November, zu KI-generierten Inhalten im rechten Vorfeld) und der Bildungsreferentin Jasmin Klotz (2. Dezember, zu Antisemitismus auf Social Media).
Ergänzt wird das Programm durch offene Tischgespräche, bei denen vor allem lokale Expert:innen mit allen interessierten Besucher:innen ins Gespräch kommen: Am 13. Januar geht es um Chancen und Schattenseiten von Videospielen.

Die Vorträge und Gespräche werden zudem live als Graphic Recording festgehalten und im Anschluss in der Ausstellung gezeigt. Praktisch und spielerisch wird es bei zwei Workshop-Angeboten für Kinder und Jugendliche: Zur Weltmädchenwoche entstehen am 7. Oktober beim Workshop „Being a Girl on the Internet“ – in Kooperation mit dithSHIT – Collagen zu Bildern und Vorbildern im Netz, am 13. Januar zeigt der Workshop „Designe dein eigenes Retrospiel“ mit dem OK MediaHub Westküste, wie ein eigenes Storytelling-Spiel entsteht.
Ein zentrales Element des Projekts ist zudem die aktive Einbindung der eigenen Sammlung als Reflexionsraum für die digitale Gegenwart. Das Museum zeigt dafür eine Auswahl historischer Objekte, die einer These folgt: Konsum- und Kommunikationsräume waren immer schon Infrastruktur für Aufmerksamkeit, Zugehörigkeit und soziale Kontrolle – lange bevor es Algorithmen gab.
An diese Perspektive knüpft auch die Medienwerkstatt an: Gemeinsam mit der Schulsozialarbeiterin und Künstlerin Claudia Westphal-Oelerich setzt sich der 5. Jahrgang der Meldorfer Gelehrtenschule (MGS) über ein halbes Jahr mit Hass im Netz, Algorithmen, Desinformation und der eigenen Rolle im digitalen Raum auseinander – auch anhand ausgewählter Sammlungsobjekte und über Erkundungen und Exkursionen im öffentlichen Raum. Die Ergebnisse werden am 20. Januar 2027 im Museum präsentiert. Für Schulklassen und Jugendgruppen bietet die Ausstellung darüber hinaus ein eigens entwickeltes Erkundungsblatt sowie auf Anfrage individuell zugeschnittene Führungen.
