Mit einer autofiktionalen Familiengeschichte legt die Heider Autorin Jana Hassepass ein berührendes Romandebüt vor. Wie tief prägen uns die Traumata unserer Vorfahren? Und wie bricht man das Schweigen einer ganzen Generation?
In ihrem Roman „Flucht aus der Stille“ beleuchtet sie das Zerbrechen einer Dresdner Familie nach der Verschleppung des Vaters 1949 in sowjetische Gefangenschaft. Und dies nicht ohne Grund. Den entscheidenden Impuls für das literarische Debüt der gebürtigen Dresdnerin findet man in ihrer eigenen Familiengeschichte. „Mein Opa wurde vier Jahre nach Kriegsende kurz vor Gründung der DDR in einer Nacht- und Nebelaktion verhaftet“, sagt Jana Hassepass. „1955 kehrte er zurück nach Hause.“ Sie habe ihren Großvater, der 1969 verstarb, nicht mehr kennengelernt. Aber sich bereits als Kind gefragt, wie es sich anfühlen müsse, wenn ein Familienmitglied plötzlich verschwindet und erst einige Jahre später wieder nach Hause kommt. Verschleppt, heimgekehrt und allen fremd geblieben. Dies beschreibt auch die Erfahrung ihrer Romanfigur Heinrich, den nach seiner Rückkehr aus dem Gefangenenlager ein Panzer aus Traumata und ein Schutzwall des Schweigens von seiner Frau Klara und den zwei Kindern trennen.
Den Wunsch, einmal Autorin zu sein und ein Buch zu schreiben, verspürte Jana Hassepass schon als Schülerin. „Bis zur Umsetzung hat es lange gedauert“, sagt sie schmunzelnd. „Aber ich bemerkte erst vor zwei Jahren, dass ich ein geeignetes Thema für eine Geschichte schon mein Leben lang mit mir trage.“ Seit sie denken könne, habe sie Literatur geradezu verschlungen. Jetzt selbst eine Autorin zu sein, fühle sich allerdings noch etwas unwirklich an. „Es ist eine Mischung aus Freude und Erstaunen“, sagt Hassepass. „Das Buch war mein Baby, das jetzt sozusagen in die Welt hinausgeht.“
Rund ein Jahr dauerte der Schreibprozess, während dem sie unzählige Abend- und Nachtstunden am heimischen Esstisch verbrachte, um Kapitel für Kapitel in den Laptop zu tippen. Wie schreibt man eigentlich einen Roman? Diese Frage stellte sie sich – und dann auch Google. „Ich habe mich definitiv nicht an die im Internet vorgeschlagene Struktur gehalten“, sagt Jana Hassepass. „Anfang und Ende des Plots waren mir ja von Beginn an klar. Und die Handlung inklusive der Figuren haben sich während des Schreibens praktisch von selbst entwickelt – und zwar aus perspektivischer Sicht.“
Gab es auch mal die eine oder andere Schreibblockade? „Klar, so manches Kapitel wanderte zwischendurch in die Tonne“, sagt die Neuautorin. „Manchmal war ich sogar kurz vorm Aufgeben.“ Der Austausch zwischendurch über die bereits geschriebenen Kapitel mit Familie oder Freunden habe Einfluss genommen auf den Plot. „Einige Szenen gehen mir selbst unheimlich nahe, obwohl der Großteil der Handlung fiktional ist“, erzählt Hassepass. „Die ganze Zeit beschäftigte mich eine hypothetische Frage – nämlich: Was wäre gewesen, wenn…? Hätten die Figuren in meiner Geschichte, die sich ja durchaus lieben, eine gemeinsame Sprache gefunden, wäre womöglich viel Leid bis in die nachfolgenden Generationen erspart geblieben.“
Zwei Leben, zwei Tode, ein Schweigen, das eine ganze Familie zerreißt – ein bewegender Familienroman aus der deutschen Nachkriegszeit. Der Debütroman von Jana Hassepaß.
Das Buch „Flucht aus der Stille“ ist erschienen im Ultraviolett Verlag unter der Artikelnummer: 978-3-96887-045-8. Mehr unter: https://ultraviolett-verlag.de/produkt/fluchtausderstille/
Beitrag und Foto von Andrea Hanssen
